Investieren auf Pump

Die Idee ist nicht neu und wirkt auf den ersten Blick gleichermaßen absurd wie pfiffig: Der kreditfinanzierte Kauf einer passiven Aktienanlage noch in 2008, um so der Abgeltungssteuer zu entgehen. Möglich wird dies durch die Bestandsregelung, nach der Kursgewinne auf Investments, die noch in diesem Jahr getätigt werden, für immer steuerfrei bleiben.

Sparplan oder Tilgung?

Für Aktiensparer auf Basis eines Sparplans geht es um folgende zwei Varianten, die wir anhand einiger konkreter Zahlen illustrieren wollen. Im ersten Szenario werden 6 Jahre lang 500 EUR monatlich in ein wissenschaftlich fundiertes Portfolio investiert.

Unter der Annahme einer durchschnittlichen Rendite von 7% und einer Anlagedauer inklusive Ansparphase von 30 Jahren insgesamt muss beim Verkauf aufgrund der Abgeltungssteuer die Stolze Summe von mehr als 35.000 EUR an den Fiskus abgeführt werden. Bei dieser Rechnung wurde unterstellt, dass 2/3 des Gesamtgewinns von der Kurssteigerung herrühren.

Von Gewinn ist auszugehen

Im zweiten Szenario werden 30.000 EUR von der Bank beliehen und noch in diesem Jahr voll investiert. Unter der Annahme einer Kreditlaufzeit von 6 Jahren und einem effektiven Jahreszins von etwa 6% ergibt sich eine monatliche Tilgungsrate von 500 EUR. Das Beispiel wurde also so gewählt, dass die monatliche Belastung - ob durch Sparplan oder durch die Abzahlung des Kredits - die gleiche ist.

Wenn wir auch hier wieder von einer durchschnittlichen Portfoliorendite von 7% und einer Anlagedauer von 30 Jahren ausgehen, dann kommt am Ende in etwa die gleiche Vermögenssumme heraus, jedoch mit einem gravierenden Unterschied: Alle Kursgewinne können steuerfrei vereinnahmt werden.

Somit stehen den Kreditfinanzierungskosten von etwas mehr als 6.000 EUR eine Kostenersparnis von 35.000 EUR beim Verkauf gegenüber: Ein Gewinn von 29.000 EUR!

Haken und Ösen

Wo sind nun die Haken und Ösen dieser Rechnung? Als erstes muss angemerkt werden, dass die Kreditzinsen heute gezahlt werden müssen, während die Kostenersparnis erst in 30 Jahren zum Tragen kommt. Rechnet man eine durchschnittliche Inflation von 3% p.a. mit ein, dann entsprechen die genannten 35.000 EUR kaufkraftbereinigt gerade einmal 14.400 EUR heute. Nach Abzug der Kreditkosten von 6.000 EUR - die ja heute bezahlt werden müssen - schmilzt also der reale Gewinn auf gerade einmal 8.400 EUR.

Diesem möglichen Gewinn stehen jedoch auch erhöhte Risiken im Vergleich zum Sparplaninvestment gegenüber:

  1. Zinsrisiko: Da bekanntlich niemand zukünftige Aktienrenditen vorhersagen kann, geht die Rechnung natürlich nicht mehr auf, wenn die jährlichen Renditen geringer ausfallen sollten. Nach unseren Berechnungen entsteht - kaufkraftbereinigt - ein Verlust bei Renditen unterhalb von 4,4% p.a.
  2. Einstiegsrisiko: Ein Argument, sich für einen Sparplan zu entscheiden, ist immer auch die Minimierung des Risikos, zum falschen Zeitpunkt in den Aktienmarkt einzusteigen. Bei einer Ansparphase von 5-6 Jahren kann man nämlich dieses Risiko durch den Cost-Averaging-Effekt nahezu eliminieren. Somit handelt man sich beim kreditfinanzierten Investment ein höheres Market-Timing Risiko ein.
  3. Haftungsrisiko: Jobverlust, Krankheit und andere unvorhergesehene Lebensumstände können dazu führen, dass die Monatsraten nicht mehr bedient werden können. Wenn dann das Aktieninvestment vorzeitig verkauft werden muss, womöglich gerade zum ungünstigsten Zeitpunkt, wird das vorgebliche Gewinnszenario schnell zu einem Verlustszenario.
  4. Bindungsrisiko: Die Bindung des Kapitals über 30 Jahre hinweg ist für Normalsterbliche ein sehr langer Zeitraum. Wird dieser nicht durchgehalten, führt das kreditfinanzierte Investment im Vergleich zur Sparplanvariante zu einem hohen Verlustgeschäft.
  5. Inflationsrisiko: Fällt die Inflationsrate höher aus als in obiger Rechnung angenommen, dann muss eine vergleichbar höhere Aktienrendite erzielt werden, um nicht in 30 Jahren durch den Kaufkraftverlust in der Verlustzone zu liegen.
  6. Gesetzgebungsrisiko: Der Gesetzgeber hat jederzeit das Recht, die bestehenden Steuergesetze zu ändern. Obwohl aus heutiger Sicht davon auszugehen ist, dass die Bestandsregelung auch in Zukunft erhalten bleiben wird, so ist dennoch nicht gänzlich auszuschließen, dass diese Regelung innerhalb der nächsten 30 Jahre (!) abgeschafft wird.

Die Prämie für das Risiko

Fazit: Dem prognostizierten, kaufkraftbereinigten Gewinn von 8.400 EUR (bei einer monatlichen Sparrate von 500 EUR über einen Zeitraum von 6 Jahren sowie einer Haltedauer von 30 Jahren insgesamt) stehen einige, ernst zunehmende Risiken gegenüber. Jedoch sind drei der sechs genannten Risiken gleichzeitig auch Chancen, d.h. sie können sich negativ wie positiv auswirken. Ob jedoch die Gewinnaussicht hoch genug ausfällt, um die obigen Risiken einzugehen, sollte jeder für sich selbst entscheiden.

Darüber hinaus sollte ein weiterer Aspekt nicht vergessen werden. Die Minderung der Steuerlast durch andere Steuersparmodelle - wie etwa die strategische Verlustverrechnung - wurde im obigen Beispiel noch nicht berücksichtigt. Somit wird wohl die Aktienanlage auf Pump auch im Hinblick auf die Abgeltungssteuer vor allem eins bleiben: Ein Steuersparmodell für besonders Wagemutige.

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