Schritt 2: Risikoaversion

Vielleicht der schwierigste Schritt beim wissenschaftlich fundierten investieren ist die Ermittlung der eigenen Risikoaversion. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese unabhängig von irgendwelchen konkreten Investments festgelegt werden sollte.

Sie kann auch nicht aus der Portfoliotheorie heraus ermittelt werden. Auch wird sie von Anleger zu Anleger unterschiedlich ausfallen. Daher läuft jede Orientierungshilfe Gefahr, eine unzulässige Beeinflussung vorzunehmen. Die Risikoaversion ist außerdem abhängig vom Investitionsziel. So wird die Bereitschaft zum Risiko in der Regel geringer ausfallen müssen, je stärker der Anleger auf das Geld existenziell angewiesen ist.

Bankberater machen es sich häufig zu einfach

Viele Bankberater lösen diesen Schritt, in dem sie ihn geflissentlich ignorieren. So werden Anleger häufig vor die Wahl gestellt, ob sie sich als risikoscheu, risikoneutral oder risikofreudig einschätzen. Dies ist aus rechtlicher Sicht äußerst bequem, denn der Anleger hat sich ja selbst aus "freien Stücken" für eine der drei Klassen entschieden. Wir alle wissen jedoch: eine überhastete Selbsteinschätzung kann trügerisch sein, übrigens, auch in anderen Lebenslagen - nicht nur beim Thema Geld.

Als Leser von turboRendite haben Sie sicherlich höhere Ansprüche. Die eigentliche Aufgabe besteht nämlich darin, einen Entscheidungsprozess zu generieren, der zu einer realistischen Selbsteinschätzung der eigenen Risikobereitschaft führt. Leider gibt es hier keinen Königsweg. In der einschlägigen Literatur existieren zahlreiche Untersuchungen zur Ermittlung der Risikoaversion (Stichwort: Entscheidungstheorie, Förstner-Regel, u.a.), doch jeder Ansatz hat seine spezifischen Probleme.

Verlustrisiko bildet Ausgangspunkt zur Bestimmung der Risikoaversion

turboRendite hat sich entschieden, einen Entscheidungsweg über die Betrachtung des Verlustrisikos zu eröffnen. Unserer Meinung nach bietet dieser Weg den Vorteil, dass das intuitive Verständnis von Verlustrisiko mit dem mathematisch berechneten zumindest annähernd zur Deckung gebracht werden kann. Dazu empfehlen wir wärmstens eine Auseinandersetzung mit den Annahmen, die in die Berechnung des Verlustrisikos eingehen (Risiko verstehen lernen), um eine mögliche Diskrepanz zwischen den Begrifflichkeiten zu vermeiden.

Grundlage der Entscheidungsfindung bildet die so genannte Risikotragfähigkeit, ein Konzept, das auch von institutionellen Anlegern verwendet wird. Im wesentlichen müssen Sie die folgende Frage für sich selbst beantworten:

Welchen Anteil Ihres Vermögens sind Sie im Extremfall bereit, zu verlieren, beziehungsweise welchen jährlichen Überschuss müssen Sie mindestens erwirtschaften?

Die Betonung liegt in dieser Frage auf Extremfall und auf mindestens, genauer gesagt: nur in einem von 333 Jahren wird dieser Extremfall statistisch gesehen eintreffen, in allen anderen Jahren ist ein geringerer Verlust bzw. ein höherer Überschuss zu erwarten.


Tipp: Bevor Sie weiter lesen, versuchen Sie nun eine eigene Antwort auf die Frage zu Ihrer Risikotragfähigkeit zu finden. Schreiben Sie diese auf ein Blatt Papier, am besten zusammen mit einer kurzen Begründung.

Orientierungshilfe oder Konsistenzcheck?

Sind Sie mit Ihrer Antwort im Reinen, oder bestehen nach wie vor Zweifel? Im folgenden können Sie versuchen, sich mit einer möglichen Entscheidungsbegründung zu identifizieren. Diejenigen, die sich in ihrer Entscheidung schon sicher sind, bildet dieses Verfahren einen Konsistenzcheck, für alle anderen, eine Orientierungshilfe. Dazu teilen wir die Risikotragfähigkeit zunächst in mehrere Risikoklassen ein.

Für jede Risikoklasse bieten wir eine wertneutrale Entscheidungsbegründung an, die ein fiktiver Anleger, der sich für eben diese Klasse entschieden hat, anführen könnte. Alle Risikoklassen sind als gleichwertig zu behandeln, es gibt weder eine Rangfolge noch eine bessere oder schlechtere Alternative. Ausschlaggebend für die Entscheidung ist einzig und allein die Frage, welche Entscheidungsbegründung am ehesten von Ihnen selbst stammen könnte.

RisikoklasseMindestüberschussBegründung
0- Egal welche Rendite ich erzielen werde, ich bin unter keinen Umständen bereit, meine Anlage einem statistischen Risiko zu unterwerfen. Nicht vorhersehbare Schwankungen meiner Anlage machen mich nervös und bescheren mir nur schlaflose Nächte.
13% p.a. Auf das eingesetzte Kapital bin ich existenziell angewiesen. Da die Inflation an der Kaufkraft meiner Vermögensanlage nagt, muss ich einen Mindestüberschuss von mindestens 3% p.a. erzielen, um auch in vielen Jahren mit diesem Kapital abgesichert zu sein.
22% p.a. Auf das eingesetzte Kapital bin ich existenziell angewiesen. Da die Inflation an der Kaufkraft meiner Vermögensanlage nagt, muss ich einen Mindestüberschuss erzielen. Ich schätze die zukünftige, mittlere Inflationsrate aber mit 2% p.a. geringer ein.
31% p.a. Selbst im Extremfall kann ich nicht auf eine jährliche Rendite von 1% p.a. verzichten, denn ich muss mich auf die Vermögenswerte auch in Zukunft verlassen können. Dass das Vermögen im Extremfall an realer Kaufkraft verliert, geht schon an die Substanz meiner Tragfähigkeit.
40% p.a. Im Extremfall kann ich zumindest davon ausgehen, dass meine Anlage nominell nicht an Wert verliert. Ich vergleiche meine Anlage mit einem selbst konstruierten Garantiezertfikat, das mir zumindest im statistischen Sinne Kapitalschutz zusichert, voraussichtlich aber bessere Renditen bringt.
RisikoklasseGesamtverlustBegründung
55% vom Kapitaleinsatz Ich bin nicht existenziell auf das eingesetzte Kapital angewiesen. Wenn es Hart auf Hart kommt, kann ich auch einen Gesamtverlust von 5% auf die ursprüngliche Vermögenssume verkraften.
610% vom Kapitaleinsatz Ich bin nicht existenziell auf das eingesetzte Kapital angewiesen. Wenn es Hart auf Hart kommt, kann ich auch einen Gesamtverlust von 10% auf die ursprüngliche Vermögenssume verkraften. Hohe Gewinne locken mich mehr als mich Verluste abschrecken.
715% vom Kapitaleinsatz Ich bin nicht existenziell auf das eingesetzte Kapital angewiesen. Wenn es Hart auf Hart kommt, kann ich auch einen Gesamtverlust von 15% auf die ursprüngliche Vermögenssume verkraften. Hohe Gewinne locken mich mehr als mich Verluste abschrecken.
820% vom Kapitaleinsatz Auch wenn ich ein Fünftel meiner Anlagesumme schlussendlich verliere, wird das meine gute Laune nicht verderben. Existenziell hat Geld für mich noch nie eine Rolle gespielt, der Reiz es überproportional zu vermehren, jedoch umso mehr.

Wie aus der Tabelle ersichtlich wird, haben wir beim Mindestüberschuss mit jährlichen Renditen gerechnet, beim Verlustrisiko hingegen mit einem Gesamtverlust auf das eingesetzte Kapital. Ist die Anlagedauer bekannt, kann man leicht die eine in die andere Angabe umrechnen.

Festigung der Entscheidung durch Meinungsaustausch

Erstmal: Herzlichen Glückwunsch zur Entscheidungsfindung und Bestimmung Ihrer Risikoklasse! Nehmen Sie dies zum Anlass, sich mit anderen passiven Investoren in unserem Forum auszutauschen. Welches Verlustrisiko sind andere Foren-Mitglieder bereit, einzugehen? Wie gut können andere ihre Entscheidung begründen? Leuchten die Argumente, die Sie sich zurecht gelegt haben, auch anderen ein?

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